Portugal

Als ich in Portugal war, habe ich ein wunderschönes Land vorgefunden. Ein Land voller interessanter Menschen, mit einer spannenden Geschichte, mit atemberaubenden Landschaften und einer atemberaubenden Hauptstadt, in der man in eisernen Aufzügen auf eisernen Stegen neben den Dächern ehrwürdiger Gebäude laufen konnte.

In wenig touristisch erschlossenen Ortschschaften an der Südküste konnte man Fisch essen, dessen Zubereitung über die Jahrhunderte von Mund zu Mund weitergegeben wurde - ein Geschmack, der hier in Deutschland nirgendwo zu finden ist. Ich konnte Fischern begegnen, die abends direkt am Meer in kleinen Restaurants zusammen fanden, an die sie vor wenigen Stunden den Fisch verkauft hatten, den sie tagsüber gefangen hatten.

Und da war keine Abneigung gegen mich. Ein Drogenfander der Polizei in Lissabon erzählte mir - als wir eines Nachts zufällig aufeinander trafen - von einem berühmten Buch, das die ganze Sehnsucht der portugiesischen Menschen enthalte. Ich sah dieses Buch, das Jahrhunderte alt ist, danach in nahezu allen Schaufenstern von Buchhandlungen in Lissabon.

Als ich den Binnenhafen am Tejo sah und in die Vergangenheit tauchte, die mir Segelschiffe am Horizont zeigte und dann das große Gate vor mir sah, in das das Brandenburger Tor sicherlich 6 mal hineinpasste, war es als könnte ich den tiefen Schmerz der heutigen Portugiesen ob ihres Weltmacht-Verlustes plötzlich nachvollziehen.

Nicht unbedingt das weltherrschaftliche Streben ist es, was jenen Schmerz auslöst. Es scheint vielmehr eine Schönheit zu sein, ein Mehrwert an Identität, der mitsamt der vergangenen Zeiten verloren gegangen zu sein scheint. Eine Gesellschaft auf deren Re-Formation bis heute jeder Portugiese und jede Portugiesin noch immer zu warten scheint.

Ob dieses wunderbaren Landes und all dieser Schönheiten, die bis heute in Portugal in riesiger Fülle existieren, erscheint es einem Außenstehenden als sehr rätselhaft, warum man so vielen Menschen begegnet, die in einer nahezu melancholischen Sehnsucht verharren und auf eine Art mythische Wiederkehr alter Zeiten warten. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Menschen vor 600 Jahren in Portugal kreativer und neugieriger waren, als die heutigen Portugiesen.

Madredeus ist ein - wenn auch überaus pop-plastisches - aber doch sehr lebendiges Beispiel für die Kraft und Feinfühligkeit der portugiesischen Identität. Und so sind es die Fischer für mich an der Südküste, die Verkäuferinnen in Faro oder die Menschen am Bahnhof von Vila Real de Santo António.

Von mir über welche Jahrhunderte auch immer entfernt, und doch so nah, dass ich keine eigentliche Entfernung ausmachen kann.

Sehnsucht

Über die Zeit hinweg stolpern wir von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Ideologie zu Ideologie, von Technologie zu Technologie, von Identität zu Identität. Immer wieder verändert die Welt quasi vor unseren Augen ihr Angesicht. Immer wieder sind wir gezwungen, in unserem Kopf und innerhalb unseres Seins, unserem Handeln, unserem Sinn neue Werte und Relevanzen zuzuschreiben.

Da sich so Identität für uns nicht festschreiben lässt, sondern selbst zum Prozess wird, ist die fortwährende Anpassung zu einer Notwendigkeit geworden, die nahezu permanent unsere Aufmerksamkeit erfordert. Und wollen wir unseren Kindern unser eigenes Weltbild nahebringen, dann hat Welt sich oft schon so sehr verändert, dass selbst zwischen uns und unseren Kindern sich schon eine kommunikative Spannung zeigt.

Natürlich können wir solche Spannungen überwinden und natürlich können wir verschiedene Denkmodelle zuzusammenbringen, aber sehr oft ist es auch so, dass während wir noch dabei sind, zu sprechen oder zu denken, die Welt sich schon verändert hat und somit unsere Ansichten plötzlich nicht mehr das meinen, was wir zu meinen beabsichtigt haben. Weshalb es auch zu Missverständnissen innerhalb des kommunikativen Raumes kommen mag, die mit aller Macht vermieden werden sollten.

Jene interpretativen Veränderungen sind mit großer Wahrscheinlichkeit wesentlicher Teil einer bestehenden Grundkonfiguration. Einer Grundfiguration des lebendigen Seins, in dessen Werden wir vielleicht mit unseren kreativen Äußerungen in erheblicher Weise eingebunden sind, dessen Realität aber womöglich auch Dinge einschließt, auf die wir nur mitttels Begriffsbildern wie "Zufall", "Schicksal", "Kreativität" oder auch "Innovation" logisch referenzieren können.

Die Wirklichkeit unserer kognitiven und vor allem perzeptiven Wahrnehmung übersteigt in vielerlei Hinsicht den Raum der bereits bestehenden begrifflichen Abbilder. Weshalb ab einer gewissen Stufe der Einlassung auf analytisch-kreative Zusammenhänge Kunst und Technologie eins werden und eine Unterscheidung zwischen künstlerischen und technologischen Fortentwicklungen weitesgehend irrelevant ist.

Gleichzeitig entwickelt sich aus dem Sein des Individuums zwar immer eine abhängige Identität zur umgebenden Umwelt, aber immer wieder versteht es das Individuum auch, zur es bestimmenden Umwelt Kontakt aufzunehmen, was auf eine gewisse Korrelation zwischen dem Raum der konkreten Umstände und jenem Raum hindeutet, in dem Idee zu Welt und Sein geworden ist. - Jenen Raum der lebendigen Ewigkeit, auf den wir heute vor allem durch die Verwendung des Begriffes "Zeit" referenzieren - aber auch über Begriffe wie z.B. "Wahrheit", "Wirklichkeit" oder "Identität".

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